Sondervermögen und historische Lehren

Ein Gespräch für das Kontrafunk-Radio am 21. November 2025 gab Anlass, die gegenwärtige deutsche Aufrüstungsdebatte wirtschaftsgeschichtlich einzuordnen.

Was ist Kriegswirtschaft?

Kriegswirtschaft bezeichnet die staatliche Priorisierung militärischer Bedürfnisse in der Wirtschaft. Sie reicht von punktueller Mobilisierung einzelner Ressourcen bis zur totalen Umstellung einer Volkswirtschaft auf Rüstungsproduktion. Entscheidend ist: Kriegswirtschaft ist nie nur ein ökonomisches Phänomen. Sie greift immer institutionell in die Gesellschaft ein – durch Kapitallenkung, Arbeitszwang, Rationierung oder direkte Produktionssteuerung.

Die moderne Kriegswirtschaft entstand im Ersten Weltkrieg. Die 3. Oberste Heeresleitung (OHL) unter Hindenburg und Ludendorff etablierte erstmals systematische staatliche Lenkung von Produktion, Arbeitskräften und Kapital. Das Hilfsdienstgesetz von 1916 unterwarf faktisch die gesamte männliche Bevölkerung zwischen 17 und 60 Jahren militärischen Bedürfnissen. Diese institutionelle Invasion überlebte den Krieg – Lenkungsinstrumente blieben bestehen, Bürokratien wuchsen, Interventionismus wurde zur Normalität. Aus dem Ausnahmezustand wurde strukturelle Pfadabhängigkeit.

Das NS-Regime: Kriegswirtschaft in Friedenszeiten

Das nationalsozialistische Deutschland trieb diese Logik ins Extrem: Es betrieb Kriegswirtschaft bereits in Friedenszeiten durch die Organisation der Wirtschaft. Kapitallenkung, Devisenbewirtschaftung und Zwangsarbeit waren keine Notmaßnahmen, sondern Programm. Löhne und Preise wurden gestoppt, Ressourcen nach rüstungswirtschaftlichen Prioritäten gelenkt. Die Zahlen zwischen 1932 und 1936 zeigen ein paradoxes Bild: Das Bruttosozialprodukt stieg, die Beschäftigung nahm zu, die Arbeitslosigkeit sank dramatisch. Doch dieser „Aufschwung“ war ausschließlich rüstungsgetrieben. Der private Konsum stagnierte, öffentliche Ausgaben explodierten.

Die Finanzierung erfolgte zunächst über den Staatshaushalt, Verschuldung und Mefo-Wechsel – eine Scheinfinanzierung, die Staatsschulden verschleierte, dann zunehmend durch Inflation. Spätestens 1939 geriet das System an seine Grenzen. Die Kriegswirtschaft hatte sich selbst zur Bedingung ihrer Fortsetzung gemacht. Eroberung und Plünderung sollten die aufgebauten Kapazitäten alimentieren und konnten doch nicht ansatzweise mit der US-Wirtschaft mithalten. Das NS-Regime demonstriert exemplarisch, wie Kriegswirtschaft nicht nur ökonomisch ineffizient, sondern auch politisch selbstzerstörerisch wirkt.

Das amerikanische Gegenmodell

Die USA wählten im Zweiten Weltkrieg einen anderen Weg. Statt totaler Kontrolle setzte Washington auf Kooperation zwischen Staat und Privatwirtschaft. Der Staat definierte strategische Ziele und Bedarfe, private Unternehmen lieferten die Leistung. Diese dezentrale Organisation erwies sich als überlegen: Das „Arsenal of Democracy“ produzierte enormen Output ohne totalitäre Durchdringung der Gesellschaft: einen B-24-Bomber in nur einer Stunde, über 300.000 militärische Flugzeuge insgesamt, mehr als alle gegnerischen Kriegsparten zusammen und mehr als die gesamt zivile Luftfahrt bis heute.

Der Unterschied lag im institutionellen Design. Während das NS-Regime auf Zwang, Lenkung und bürokratische Planung setzte, nutzten die USA Anreize, Wettbewerb und unternehmerische Initiative. Preise blieben weitgehend funktionsfähig, Ressourcenallokation erfolgte effizienter, Innovationen entstanden schneller. Nach Kriegsende konnte die amerikanische Wirtschaft rasch auf zivile Produktion umstellen und sogar Millionen GIs integrieren – eine Flexibilität, die zentralverwaltete Systeme nicht aufbringen.

Der Vergleich mit der sowjetischen Kriegs- und Nachkriegswirtschaft verstärkt diesen Befund. Die Sowjetunion mobilisierte im „Großen Vaterländischen Krieg“ enorme Ressourcen, doch die Zentralverwaltungswirtschaft blieb strukturell starr. Nach 1945 gelang keine Transformation zur effizienten Friedenswirtschaft. Die Planwirtschaft, als Bürokratie konzipiert, erwies sich als chronisch unzulänglich und innovationsfeindlich. Sie zehrte sich über vier Jahrzehnte auf und implodierte schließlich 1989/91. Auch hier zeigt sich: Systeme, die auf zentrale Lenkung und staatliche Kontrolle setzen, sind langfristig marktwirtschaftlichen Ordnungen unterlegen.

Kriegsfinanzierung: Steuern, Anleihen, Inflation

Kriege und Aufrüstung stellen drei Finanzierungsoptionen bereit, jede mit spezifischen Kosten. Steuern sind sichtbar und politisch schmerzhaft, sie zwingen zu unmittelbarer Umverteilung und machen Kosten transparent. Anleihen verschieben Lasten in die Zukunft; sie schaffen Verschuldung, die spätere Generationen bedienen müssen. Das NS-Regime nutzte mit den Mefo-Wechseln eine Sonderform: verschleierte Staatsverschuldung, die den Kapitalmarkt täuschte und Inflation aufstaute. Später kam die geräuschlose Finanzierung hinzu, gleichsam ein Tausch von Sparguthaben in Anleihen ohne Wissen der Bürger.

Die dritte Option, Inflation, fungiert als verdeckte Steuer. Sie entwertet Ersparnisse und Reallöhne, ohne dass Parlamente formell zustimmen müssen. Historisch haben Regierungen oft zur Notenpresse gegriffen, wenn politische Widerstände gegen Steuern oder Anleihen zu groß wurden. Die deutsche Hyperinflation 1923 bleibt mahnendes Beispiel für die Zerstörungskraft monetärer Kriegsfinanzierung.

Gegenwart: Sondervermögen und institutionelle Pfadabhängigkeit

Deutschland befindet sich weder gegenwärtig noch absehbar nicht in einer Kriegswirtschaft. Kein Kriterium spricht dafür, weder Umfang und Anteil der Verteidigungsausgaben, nicht einmal im Vergleich mit Westdeutschland bis zur Wiedervereinigung, noch die staatliche Steuerung von Wirtschaft und Gesellschaft. Das 100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr und die geplante massive Nachrüstung stellen jedoch ordnungspolitische Weichenstellungen dar, die historisch informierte Skepsis verdienen. Sondervermögen umgehen die reguläre Haushaltslogik, sie schaffen Ausgabendruck jenseits parlamentarischer Kontrolle und etablieren Präzedenzfälle für künftige Notlagen. Aus ordnungspolitischer Sicht problematisch ist nicht die Zielsetzung – Verteidigungsfähigkeit herzustellen – als die institutionelle Form.

Zugleich leidet die europäische Rüstungsindustrie unter strukturellen Defiziten: Fragmentierung, geringe Kapazitäten, mangelnder Wettbewerb, Bürokratisierung. Nationale Alleingänge und politische Bevorzugung heimischer Anbieter verhindern Skaleneffekte und Innovation. Der amerikanische Ökonom Christopher Coyne hat für die USA den militärisch-industriell-politischen Komplex analysiert: Kriege lassen Bürokratien wachsen, Anreize verzerren sich, institutionelle Pfadabhängigkeiten entstehen. Was als temporäre Notmaßnahme beginnt, verstetigt sich und dehnt sich auch per Propaganda in die Gesellschaft aus. Der Ansatz ist widersprüchlich und defekt: die bereits Jahrzehnte währende Errichtung eines liberalen Empires mit illiberalen, kriegerischen Mitteln. 

Ordnungspolitische Lehre: Verteidigungsfähigkeit ohne Kriegswirtschaft

Verteidigungsfähigkeit ist eine legitime und notwendige Staatsaufgabe. Sie erfordert jedoch keine Militarisierung der Gesellschaft und keine Kriegswirtschaft. Die historische Erfahrung lehrt: Dezentrale, wettbewerbliche Strukturen sind zentral-gelenkten überlegen – nicht nur ökonomisch effizienter, sondern auch politisch stabiler und innovativer.

Ein wehrhaftes Deutschland benötigt wie Europa insgesamt funktionsfähige Streitkräfte, moderne Ausrüstung und strategische Reserve. Es benötigt keine institutionelle Invasion der Wirtschaft, keine Kapitallenkung und keine Aushebelung der Haushaltsregeln. Die Balance lautet: Verteidigungsfähigkeit durch kluge Allokation innerhalb marktwirtschaftlicher Ordnung, nicht durch deren Suspendierung.

Die Gefahr liegt nicht in den Sonderschulden (vermeintlich Sondervermögen) selbst, sondern in der schleichenden Gewöhnung an Ausnahmelogik. Was heute als einmalige Notmaßnahme gilt, kann morgen als Präzedenz dienen. Ordnungspolitik bedeutet, institutionelle Weichenstellungen auf ihre langfristigen Folgen zu prüfen. Die Geschichte der Kriegswirtschaft mahnt: Temporäre Lenkung wird zur permanenten Kontrolle, Notstandsbefugnisse überleben die Notlage, Bürokratien wachsen und wachsen.

Wehrfähigkeit ohne Kriegswirtschaft – das bleibt die ordnungspolitische Herausforderung. Sie verlangt Klarheit über Ziele, Transparenz der Kosten und institutionelle Disziplin. Alles andere öffnet Pfade, die historisch selten zum Ziel, aber oft in die Sackgasse führten.