Eine ordnungspolitische Klarstellung
Der Begriff „Kriegswirtschaft“ erlebt derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Spätestens seit der russischen Invasion in der Ukraine und der offen strategischen Neuorientierung Chinas wird er genutzt, um einen grundlegenden geopolitischen Bruch zu beschreiben. Auch Daniel Stelter greift diese Deutung auf – unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Thesen von David Baverez.
Die geopolitische Diagnose mag in Teilen zutreffen. Ordnungspolitisch jedoch ist die Rede von der „Kriegswirtschaft“ hochproblematisch – und zwar nicht nur semantisch, sondern institutionell.
Deutsche Erfahrung: Kriegswirtschaft bedeutet Etatismus
Historisch ist der Befund eindeutig, insbesondere in Deutschland. Kriegswirtschaft bedeutete nie eine bloße Priorisierung, sondern stets:
– umfassende staatliche Zentralisierung
– Zwangsbewirtschaftung von Arbeit, Kapital und Gütern
– Preis- und Produktionskontrollen
– Suspendierung marktwirtschaftlicher Koordinationsmechanismen
– politische Durchgriffsbefugnisse im Ausnahmezustand
Kriegswirtschaft war kein temporärer Effizienzmodus, sondern ein etatistischer Ordnungsbruch, dessen institutionelle Nachwirkungen weit über das Kriegsende hinausreichten. Wer diesen Begriff heute verwendet, ohne diese Erfahrung mitzudenken, unterschätzt seine normative Sprengkraft. Das gilt auch für den militärisch-industriellen Komplex in den USA (historisch, aktuell)
Wenn Diagnose zur Legitimation wird
Besonders problematisch ist die stille Verschiebung, die in vielen aktuellen Beiträgen zu beobachten ist:
Aus der Beschreibung geopolitischer Risiken wird implizit eine Rechtfertigung staatlicher Steuerung.
Bei Stelter geschieht dies nicht aggressiv, sondern beiläufig. Die Analyse der Lage – Blockbildung, Engpassabhängigkeiten, Sicherheitskonflikte – mündet in eine faktische Akzeptanz der These, dass marktwirtschaftliche Ordnung unter den Bedingungen einer „Kriegswirtschaft“ zurückzutreten habe.
Ordnungspolitisch ist das ein Kipppunkt. Denn der Staat ist längst expansiv, das Steuerungsnarrativ längst dominant. Wer nun auch noch die Kriegsmetapher übernimmt, liefert die letzte argumentative Entlastung für eine Politik, die ohnehin wenig Neigung zum Maßhalten mehr kennt.
Managementlogik ersetzt Ordnungspolitik
Ein möglicher Hintergrund liegt in der Denkweise selbst. Die Perspektive des Unternehmensberaters ist auf Optimierung ausgerichtet: gegebene Ziele, knappe Ressourcen, effiziente Steuerung. Ordnungspolitik hingegen fragt nicht nach optimalen Lösungen innerhalb eines Systems, sondern nach den Regeln, die ein System dauerhaft tragfähig machen – und nach den Grenzen legitimen Handelns.
Wird Kriegswirtschaft als Managementproblem gelesen, erscheint staatliche Engpasskontrolle als rationale Antwort. Wird sie ordnungspolitisch verstanden, zeigt sich ihr destruktives Potenzial: politische Allokation ersetzt Wettbewerb, Knappheit wird privilegiert, Fehlentscheidungen werden verstetigt.
Der semantische Leichtsinn
Besonders irritierend ist die Unschärfe, mit der der Begriff verwendet wird. Zwei Lesarten stehen im Raum:
Die wohlwollende: „Kriegswirtschaft“ als rhetorischer Weckruf, als Metapher, um geopolitische Naivität zu beenden.
Die problematische: Kriegswirtschaft als neues Normal, als funktionaler Ordnungsmodus, der staatliche Steuerung legitimiert.
Wenn ersteres gemeint ist, fehlt die notwendige Klarstellung. Wenn letzteres gemeint ist, markiert dies einen ordnungspolitischen Bruch, der nicht hingenommen werden kann.
Der eigentliche blinde Fleck
Was in der Debatte weitgehend fehlt, ist eine simple, aber zentrale Einsicht:
Die strategische Überlegenheit offener Gesellschaften beruht nicht auf staatlicher Steuerung, sondern auf marktwirtschaftlicher Ordnung.
Dezentralität, Eigentumsschutz, Wettbewerb und Innovationsfreiheit sind keine Luxusgüter friedlicher Zeiten, sondern die eigentlichen Quellen langfristiger Resilienz. Kriegswirtschaft mag kurzfristig mobilisieren – sie untergräbt jedoch genau jene Leistungsfähigkeit, die in systemischen Konflikten entscheidend ist.
Schluss
Die eigentliche Gefahr liegt daher nicht darin, geopolitische Risiken zu unterschätzen. Sie liegt darin, im Namen der Sicherheit jene Ordnung preiszugeben, die Sicherheit überhaupt erst ermöglicht.
Oder zugespitzt:
Wer Kriegswirtschaft zum Leitbild erhebt, kapituliert ordnungspolitisch, bevor der Konflikt entschieden ist.